Und der Sommer so: „Bin mal kurz Kippen holen“

Juhu, es ist Sommer! Theoretisch. Und bei uns ist es seit langer Zeit der erste Sommer mit eigenem Garten! Will sagen: Poolpartys, Hängemattengelage, abendliche Weißweinschorlenidyllen. Yiiiihaaaa! So der Plan. „So der Plan“ sag ich gerne, seit ich Kinder habe, weil der „Plan“ der erstmal da ist, sowas von selten aufgeht. Kennste ja. Also, viele Pläne, die nicht aufgehen, insgesamt. Die meisten, eigentlich. Daran sind in diesem Jahr aber nicht die Kinder schuld, sondern: der Sommer. „Welcher Sommer?“ Fragste jetzt und ich sage: Recht haste. Gute Frage! Ja, wo isser denn, wenn man ihn braucht? Hat er sich versteckt? Hinterm Schuppen? In der Hecke? In Ulm? Um Ulm? Um Ulm herum?

Nee. Der Sommer ist „kurz mal Zigaretten holen“ gegangen. Und nachdem wir zum, gefühlt, hundertsten Mal mit langen Gesichtern, aber die Schippe entschieden gezückt, auf dem verwaisten, regennassen Spielplatz standen, haben auch wir es eingesehen: der kommt nicht mehr zurück, der Arsch. Er hat uns im Stich gelassen. Aua. Das schmerzt. Wir haben gewartet, jeden Tag, die Schwimmflügel stets aufgepustet im Anschlag, mein stillfreundliches Blumenkleid und Puckis topaktuelle, orange Sonnenmütze auch (aus der wahrscheinlich einzigen Fabrik, die sich traut, in anderen Farben als rosa oder blau zu produzieren. Die Mütze macht Pucki damit zur Horrorvorstellung eines jeden Elternteils: GESCHLECHTSNEUTRAL. Aaaaah! Also, so kommt mir das vor, manchmal, aber das gehört hier jetzt nur so semi hin.). Was ich sagen wollte: wir waren bereit dafür, Zeit mit ihm, dem Sommer, zu verbringen. Viel Zeit. Und wir hätten auch seine schlechten Seiten geliebt, weil sie halt zu ihm gehören: Mücken, aufgeschlagene Knie, Hitzepickel, alles! Hätten wir geliebt und gelebt! Aber, er ist einfach weg. Manchmal, da kommt er kurz vorbei und guckt, ob wir ihn auch vermissen. „Da bist du ja“, sagen wir dann und sind ganz aufgeregt, freuen uns und machen alles auf einmal: die Liege morgens um 6 mit Handtuch reservieren, schwimmen, in der Sonne chillen, Kleider ausführen, Mücken erschlagen und die Eismaschine anwerfen. Wir freuen uns sehr über seinen Besuch und hoffen, dass er bleibt.

Wir haben uns den Sommer schöngeredet

Doch ach! Welch Schmerz! Schon am nächsten Tag ist er wieder weg und lässt uns allein. Mit grauem Himmel und grauen Haaren. Weil, irgendwie weiß ich langsam nicht mehr, wohin mit den Kindern am Nachmittag. Ist der Klimawandel, sagt man. Bleibt jetzt so, sagt man. Na toll. Und was machen wir dann die nächsten 18 Jahre nachmittags? Obwohl, Wenn sich das erstmal rumgesprochen hat, dass der Sommer jetzt immer weg ist, dann sprießen die Indoor-Spielplätze doch mit den Pilzen um die Wette aus dem Boden! Und reiche Stadtteile, die können sich vielleicht eine eigene Markise bauen. Die Bezirks-Markise. Flächendeckender Regenschutz. Marktlücke, aber echt ma jetze! Apropos: lohnt es sich, jetzt in Regenschirm-Aktien zu investieren? Gibt es das überhaupt, Regenschirm-Aktien?

Hach menno, das graue Wetter, das macht ja ganz wirr im Kopp. Obwohl, vielleicht haben wir uns den Sommer ja auch nur schön geredet. Das macht man ja oft, kennste doch auch. Im Sinne von: „eigentlich ist es doch n ganz lieber“ oder „der meint das nicht so“ oder eben: „ der kommt gleich wieder, der braucht sicher nur ne kurze Auszeit“. Weil letztens, da war er kurz mal da, da fand ich ihn ein bisschen doof. (Oder war ich nur beleidigt?) Da wollte ich eine wiiinzige Gartenparty veranstalten. Für Drei. Three is a party. Ein Gartenpärtchen. Partylein?! Egal.

Eine verkackte Party und eine Produktwarnung

Da hab ich die Plane vom Baby-Pool genommen und im Pool war noch Wasser von vor drei Wochen, als der Sommer das letzte Mal zu Besuch war. Da dachte der Mann: „der ist ja nur kurz Zigaretten holen, der Sommer. Kommt ja gleich wieder, lass ich mal das Wasser im Pool.“. Das Wasser war grün und hatte Haare. Na toll und wir kriegen Besuch! Danke, Sommer. Hätteste wenigstens mal nen Zettel schreiben können: „Rechne nicht mehr mit mir, Schatz, aber ich schick dir den Herbst vorbei, mit dem bist Du doch auch immer gut klar gekommen. HDL. Dein Sommer.“ Nix hat er.

Dann habe ich den Deckel vom Sandkasten versucht abzunehmen. Hat jemand den Sandkasten von LIDL? Kauf ihn nicht! Den Deckel kriegste nur mit der Hilfe von Arnold Schwarzenegger und Jean Claude van Damme hoch (leider NICHT im Lieferumfang enthalten). Oder wie heißen Muskelmänner heute? Gibt es das überhaupt noch? Glaube, Muskeln sind out. Also, Justin Bieber würde meinen Sandkasten zumindest auch nicht aufkriegen. Ich glaube, wegen dem Sandkasten lernt Mucki Schimpfwörter. Ich lasse mich nämlich immer so von diesem *drecksverschissenenscheißdingsooooeinmegascheiiiißalterverdammtnochmal*-Sandkasten provozieren, da ist kein Halten mehr. Naja, fast nicht. Nur eins hält: Der Deckel. Bombenfest. Auf dem Sandkastenrand. Manchmal bekommt man ihn ein minibisschen hoch. Genau so hoch, dass es reicht, eine Kinderhand zu zermalmen, die sich in froher Hoffnung, ein Schildkrötenförmchen haltend, zwischen Deckel und Sandkastenrand geschoben hat. Dann, ja, dann ist die Stunde des *drecksverschissenenscheißdingsooooeinmegascheiiiißalterverdammtnochmal*-Deckels gekommen und er rauscht ohne Ankündigung zurück auf den Rand. Mamaaaaauaaaaauaauauaaaaaaaa!

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Danke LIDL, danke, Sommer. Auf der Picknickdecke waren indes ein paar farbenfrohe Pilze gewachsen, denn ich hatte sie im Keller aufbewahrt, der mittlerweile zur Nasszelle mutiert ist. Danke, Sommer.

Mein Besuch sein Kind (ja ich weiß, das sagt man nicht so, aber ich find das gerade so schön hier), also, mein Besuch sein Kind, hat dann alle Weintrauben über die verschimmelte Picknickdecke geschüttet, die Reiswaffeln im Sandkasten beerdigt, die Wassergläser zerschlagen und Mucki damit angegriffen, in den frisch gereinigten Pool geschissen, alle Maiglöckchen ausgerissen und ist dann wieder gegangen. Ja, tschüß, war ein schöner Tag, lass mal wiederholen, ganz ganz bald, hihihi, tschüssilein. Harhar. Da hab ich gedacht: „bald“ bestimmt nicht, weil da ist der Sommer eh nicht da. Das fand ich da zum ersten Mal gar nicht sooo schlecht, den Gedanken.

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Ja, lieber Sommer: wir gewöhnen uns langsam an Deine Abwesenheit. Hey! Man soll auch loslassen können. Und glücklich machst du uns eh nicht, weil „Happiness comes from within“. Und bei uns, also tief drinnen, da scheint ja eh immer die Sonne. Ob du nun da bist oder nicht. Da guckst, wa? Ha! Siehste mal, du Arsch! Wir brauchen dich nicht! Geh doch Zigaretten holen, oder wo auch immer du meinst, dass es besser ist, als bei uns. Und schick uns doch gleich den Winter vorbei. Der hat uns nämlich noch nie im Stich gelassen. Ätschebätsch!

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