Kitaplatzsuche: Ein Warzenschwein als Endgegner

Also, ich guck nicht nur Ställe an, sondern auch Kitas. Muss ja. Das ist ja beides an sich schon spacig, aber letztens denk ich, ich mach jetzt mal für Fortgeschrittene: ich nehm beide (!) Kinder mit zur Kitabesichtigung. Ha! Sollen da ja auch beide hingehen mal. Wenn sie in die Endrunde kommen und dann das Finale gewinnen natürlich nur. „Ich habe leider heute kein Foto für dich“, das fängt ja heutzutage schon bei der Kitaplatzsuche an.

Die Heidi Klum der Kita, die wir heute „besichtigen“ („stürmen“ hätte es wohl besser getroffen, aber das weiß ich da noch nicht) steht im Empfangsbereich. Sanft-bräsig bis trocken, relativ geschlechtsneutral mit Dünnrandbrille, grüßt sie selten bis gar nicht und scheint auch nicht wirklich interessiert an den anwesenden Muddis. Die starren sie alle mit hoffnungsvoll-ehrfürchtig aufgerissenen Eulenaugen an. „NIMM MEIN KIND!“ telepathieren sie. Und ihre rosa oder hellblau gekleideten Babys sind allesamt blond, rund, gesund und vor allem: still. Pah.

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Let the games begin!

Level 1: Der „Bewegungsraum“. Also, bewegen tun die anderen sich hier nicht. Wir schon. Viel. Während die Plastikbabymuddis der einschläfernden Monotonstimme von Frauherrkitaleitung lauschen, wird Pucki von einem jähen cholerischen Anfall überrollt, der ihn aus dem Tiefschlaf reißt und ihn lauthals, vom Tragetuch auf meiner Brust aus, einen Track von Black Sabbath anstimmen lässt. (Kann auch AC/DC oder Life of Agony sein.) Mucki nimmt das als Anlass für ein ausgelassenes Ringelreihen, entdeckt während des ekstatischen Tanzes, dass sich die herabbaumelnden Zipfel meines Tragetuches perfekt als Haltegriffe eignen und wickelt sie wie eine Boa Constrictor um meine Beine. Doch ich drehe mich geistesgegenwärtig tornadogleich mehrfach um die eigene Achse, so dass ich nicht in Raum eins gefesselt und geknebelt zurück bleibe, sondern es locker-flockig zu Raum zwei und damit ins nächste Level schaffe. Wäre doch gelacht!

Level 2: Der „Bastelraum“. Hier erklärt das Kitaleitung, wie ausgefuchst das Personal vorgeht, wenn das Kind im Vorschulalter immer noch keine Schere benutzen will (daran sollen schließlich schon Managerkarrieren zerbrochen sein), die Plastikmuddis lauschen alle andächtig. Wir nicht! Mucki entdeckt ein mit Perlen, magnetischen Kleinteilen und Porzellanfigürchen bestücktes Regal und stürmt, wildes Kampfgeschrei ausstoßend, darauf los. Doch sie hat die Rechnung ohne das Puschelnilpferd gemacht! Blitzschnell ziehe ich es aus meiner Tasche, so dass sie in letzter Sekunde einen Haken in meine Richtung schlägt und sich wertvolle 15 Sekunden dem Stofftier widmet, in denen ich auf eine Banane latsche, die ungewollt mit dem Nilpferd meine Tasche verlassen hat und nun als Tretmine auf mich wartet. Während ich mit Taschentüchern das Debakel notdürftig beseitige und Pucki, der beutelbedingt dabei im Weg rumhängt, die Hälfte des Bananenmatsches nun an seinem Hinterkopf trägt, macht sich die Gruppe auf zu Raum drei.

Level 3: Der „Spielraum“: Mittels eines beherzten Hechtsprunges bewahre ich eine kunstvoll gestapelte Stuhlpyramide vor dem Zusammenbruch, lenke mit einer mitgebrachten Plastiksuppenkelle (ja!) vom niedlichen Pappmachéhasen ab und schaffe es schwitzend, mit einer klitzekleinen, aufräumbedingten Verzögerung (hupsi! Der Playmobilzirkus!) in Raum und Level 4! Was da normalerweise stattfindet, weiß ich nicht. Bestimmt singen und klatschen. Ich räume eine Kiste mit gefühlt 1000 Holztieren („schau mal Mama, ein Gorilla! Uh! Uh! Uh!“) wieder ein, ziehe ein Rocksongs zitierendes Bündel aus dem Beutel, versuche erfolglos zu stillen („schaut alle heeeeeeer, sie hat eine Brustwarzeeeeeee!“), stopfe den nun lauthals schimpfenden Pucki wieder ins Tuch und führe eine angeregte Diskussion über das Beklettern einer Kommode, natürlich milde lächelnd, weil ich bin ja nett und das macht mir alles sowieso gar nichts aus. So gaaar nichts. Dabei jogge ich locker-lässig um den Kreis der Plastikbabymütter, weil Pucki manchmal nicht leiden kann, wenn man steht. Auch so gar nicht.

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Raum und Level 5: Mucki zitiert mit feierlicher Miene aus der „Raupe Nimmersatt“, während Herrfraukitaleitung das pädagogische Konzept erläutert. „Nachts, im Mondenschein…“ „richten wir uns nach dem Berliner Bildungsprogramm“… „da schlüpfte aus einem Ei KNACK! eine kleine, hungrige Raupe“… „was natürlich auch das Engagement der Eltern erfordert…“, (an dieser Stelle übergibt Pucki sich geräuschvoll ins Tragetuch) „sie machte sich auf den Weg, um Futter zu suchen. Am Montag fraß sie sich durch einen Apfel. Mama? Mamaaaaa!“ Fortan sind lustig im Raum verteilte, kleine Apfelreststücke meine neue, interessante Aufgabe. Deren Spur mich glücklicherweise zu Raum und Level 6 führt. Hier rette ich eine Giraffe vor einer Entführung, schlage drei Raumschiffe mit einem Laserschwert in die Flucht, lösche ein brennendes Hochhaus, tanze einen Sirtaki mit zehn betrunkenen Hamstern, bügel dabei die Wäsche eines betrügerischen Managers der Telekom, enthaare einen Pudel und analysiere eine Dissertation zum Thema Fruchtfleischfestigkeit.

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Soweit, so gut. Bin ja nicht aus Zucker. Aber dann rast, der Küche entflohen, ein mit Spaghetti behängtes Warzenschwein mittenmang durch den Raum! Der Endgegner! Es rutscht auf einem Plüschmeerschweinchen aus und schlittert volle Kanone ins Murmelregal. Die Kugeln ergießen sich lawinengleich über den frisch gebohnerten Laminatboden und bringen Mucki zu Fall, die mit dem Brot in ihrer Rechten bremsend, eine Butterspur zieht, auf der das Warzenschwein ausrutscht. Beinahe denke ich „wir ham’s“, da rappelt sich das Vieh wieder auf, verteilt, sich schüttelnd, alle Spaghetti im Raum. Die Scheißdinger sind nicht glutenfrei, na toll! Das verflixte Vieh nimmt Kurs auf die an der Wand gestapelten Leimeimer. Beherzt springe ich mit einem Riesensatz Richtung Schwein und ringe das Vieh einhändig zu Boden, mit der anderen das Kind im Tuch festhaltend, das derweil „Highway to Hell“ zum Besten gibt. Mucki kommt mir zur Hilfe und haut dem wildgewordenen Warzentier mit einem Bauklotz auf den Kopf. „Nicht hauen“, keuche ich, „das macht doch Aua!“, da gehen dem Schwein schon die Lampen aus. Und der Kampf ist beendet. Mucki und ich geben uns triumphierend High Five und ich verbeuge mich in Richtung Publikum. Wenn das keinen tosenden Applaus wert ist, dann… die Muddis haben gar nichts von unserem Todeskampf mitgekriegt. Sie drängen sich um Kitaleitung Klum und wollen ein Foto haben. Ihre rosigen Babys schauen dabei mit staunenden blauen Augen stumm in die Welt. Ich klopfe mir ein paar Borsten von der Jeans und schleppe mich mit letzter Kraft zum Ausgang. Muddi is game over.

Zuhause fragt der Mann, wie der Tag war. „Och, okay“, sag ich, „bin ein bisschen müde. Ich mach dann mal Kartoffeln.“

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